Jonas Aebi

Stadtforschung | Sozialwissenschaft | Textarbeit

Wohnungsnot sozial benachteiligter Personen im Kanton Basel-Stadt

Bestandsaufnahme und Massnahmen
Studie im Auftrag der C. & R. Koechlin-Vischer-Stiftung
Veröffentlichung: November 2021
Muttenz: ISOS/FHNW

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Zusammenfassung

Diese Studie befasst sich mit der Wohnungsnot im Kanton Basel-Stadt. Sie identifiziert Lücken der Wohnhilfe und untersucht Probleme und Herausforderungen sozialarbeiterischer Massnahmen gegen Wohnungsnot. Darauf aufbauend werden Massnahmenvorschläge im Bereich der Wohnhilfe diskutiert. Dazu leistet die Studie eine Bestandsaufnahme der Angebotslandschaft in Basel. Mit Blick auf die bereits bestehende Forschung argumentiert die Studie, dass der Fokus auf die Problemlagen ungesicherten Wohnens und des fehlenden Zugangs zu bezahlbarem Wohnraum gelegt werden sollte.

Dem explorativen Charakter der Studie entsprechend, basiert die Analyse auf einer systematischen Literaturrecherche, mit der bestehende Forschungen und Studien beigezogen wurden. Darauf aufbauend wurden 13 Expert:inneninterviews geführt und statistische Daten zur Analyse der baselspezifischen Prozesse ausgewertet.

Die Analyse der Angebote zeigt, dass Basel grundsätzlich ein gut ausgebautes Netz an Wohnhilfen besitzt. Insbesondere die finanzielle Subjekthilfe, die Wohnvermittlung sowie Angebote des betreuten und begleiteten Wohnens sind breit aufgestellt und unterstützen verschiedenste Anspruchsgruppen. Mit der Umsetzung der «Recht auf Wohnen»-Initiative wird die bisher eher schwach ausgebaute Objekthilfe gestärkt.

In den Expert:innengesprächen werden der Mangel an bezahlbarem Wohnraum genauso wie die mangelnde Zugänglichkeit zu bezahlbarem Wohnraum für sozial benachteiligte Menschen als Hauptprobleme in der Wohnhilfe beschrieben. Im Kanton Basel-Stadt hat sich die Wohnungsnot in den letzten zwei Jahrzehnten verschärft. Da die Stadt seit den 2000er-Jahren wieder an Bevölkerung gewinnt, ist die Nachfrage nach Wohnraum gestiegen. Zudem sind infolge der Tiefzinsphase Immobilien zu einer gefragten, sicheren Anlagemöglichkeit geworden, besonders der Anteil von institutionellen Anlegern nimmt zu. Die Bodenpreise steigen, sodass es schwieriger geworden ist, neuen bezahlbaren Wohnraum zu produzieren. Gleichzeitig bedeuten Aufwertungsprozesse, dass bestehender, bezahlbarer Wohnraum im Bestand verschwindet. Demgegenüber steigt die Zahl der Betroffenen, die in wohnungsbedingte Notlagen geraten.

Obwohl es eine Vielzahl sozialer Institutionen gibt, die sich mit diesen verschiedenen Notlagen befassen, stösst die Soziale Arbeit bei der Einzelfallbetreuung an ihre Grenzen. Es fehlt dafür an zugänglichem bezahlbarem Wohnraum. Die in dieser Studie gesammelten Daten zeigen, dass auf dem überhitzten Wohnungsmarkt Basels Wohnungssuchende und soziale Institutionen in Konkurrenz um sehr wenig verfügbaren bezahlbaren Wohnraum stehen. Damit stellt sich für den durchaus notwendigen Ausbau der Wohnhilfen die Herausforderung, bestehende Angebote nicht zu konkurrieren. Massnahmen, welche versuchen, Wohnhilfen auf neue Zielgruppen auszuweiten, können dazu führen, dass die Unterstützung für andere Zielgruppen erschwert wird. Um die Wohnungsnot in Basel zu vermindern, ist der Fokus deshalb nicht auf einzelne Zielgruppen oder neue Formen der Subjekthilfe zu legen.

Als bisher kaum adressierte Problemlage und dringende Ursache von Wohnungsnot sowie persönlichen Notlagen identifiziert der Bericht Aufwertungs- und Verdrängungsprozesse. Aus einer gesellschaftlichen Sicht auf die Wohnungsnot stellen diese Prozesse ein doppeltes Problem dar: Auf der einen Seite vermindert sich durch die mit der Aufwertung verbundene Verteuerung der bezahlbare Wohnraum im Bestand. Auf der anderen Seite bedeuten Verdrängungsprozesse, dass die Anzahl Wohnungssuchender zunimmt und damit die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum steigt. Verdrängungsprozesse schaffen zudem neue persönliche Notlagen oder verstärken bestehende. Aufgrund des fehlenden Angebots an bezahlbaren Wohnungen geraten selbst vormals gesicherte Haushalte, etwa mittelständische Familien, Migrant:innen und ältere Menschen in Notlagen. Die erschwerte Wohnungssuche kann Haushalte dazu zwingen, bei der Wohnungswahl teurere Wohnungen und unangemessenen Wohnraum anzunehmen. Entscheiden sich Mietparteien, in ihren sanierten Wohnungen zu bleiben, können gestiegene Mietkosten eine Prekarisierung in anderen Lebensbereichen zur Folge haben. Oder Menschen geraten in soziale Isolation, da sie aus ihren Nachbarschaften gerissen werden und an ungünstige Wohnlagen ziehen müssen.

Insofern spielt der langfristige Erhalt der bezahlbaren Wohnungen im Bestand eine Schlüsselrolle für die Bekämpfung der Wohnungsnot. Sozialarbeiterische Interventionen sollten bei von Verdrängung Bedrohten ansetzen und sich vermehrt auf die Prävention von Notlagen konzentrieren. Gleichzeitig stellen Formen der frühzeitigen aufsuchenden Sozialen Arbeit eine wichtige Lücke im bestehenden Wohnhilfe-Netzwerk dar. Die Studie kommt deshalb zum Schluss, dass weitere Massnahmen in der Wohnhilfe folgende Ziele verfolgen sollen:

– Verdrängungsprozesse zu verhindern oder frühzeitig sozial abzufedern

-bezahlbaren Wohnraum in benachteiligten Quartieren für die dort lebende Bevölkerung langfristig zu erhalten

– den Zugang zu diesem Wohnraum für sozial benachteiligte Gruppen zu verbessern