Wohnungsnot als gesellschaftlicher Konflikt
Rezension in Widerspruch 70/17 zu:
Esteban Piñeiro / Seraina Winzeler (Hg.): Wohnungsnot als gesellschaftlicher Konflikt. Alfred Kunz und die Gemeinnützige Stiftung Wohnhilfe Basel. Schwabe Verlag, Basel 2017 (302 S.)
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Wie der Untertitel deutlich macht, ist der vorliegende Sammelband im Auftrag der Gemeinnützigen Stiftung Wohnhilfe Basel entstanden. Die Stiftung Wohnhilfe stellt seit 1979 «randständigen» Menschen in Basel kostengünstigen Wohnraum zur Verfügung und fördert mit betreutem Wohnen deren sogenannte Wohnkompetenz. Federführend bei der Gründung war der 2012 verstorbene reformierte Pfarrer Alfred Kunz. Dessen ausführliches Privatarchiv stellt den grossen Fundus für die empirischen Daten der Texte.
Das Buch ist Resultat eines Forschungsprojektes der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) für Soziale Arbeit und reflektiert das sozialarbeiterische Tätigkeitsfeld der Stiftung Wohnhilfe und dessen Geschichte. Herausgegeben wird das Buch von Esteban Piñeiro, Dozent an der FHNW und selbst von 2003 bis 2016 Stiftungsrat der Wohnhilfe, sowie Seraina Winzeler, Filmwissenschaftlerin aus Zürich.
Es ist erfreulich, dass diese «Auftragsarbeit» weit mehr wurde als eine kritische Würdigung der Stiftung: Wie der Titel Wohnungsnot als gesellschaftlicher Konflikt andeutet, verorten die HerausgeberInnen die Entstehung der Stiftung in den Auseinandersetzungen der Kommunen-, MieterInnen- und Jugendbewegungen im Basel der 1960er- bis 1980er-Jahre. Das mit etlichem Fotomaterial versehene und ansprechend gestaltete Buch leistet denn auch eine wertvolle sozialhistorische Darstellung dieser bisher kaum akademisch aufgearbeiteten Basler Bewegungsgeschichte.
Herzstück des Sammelbandes ist der gut 120 Seiten umfassende Aufsatz der HerausgeberInnen. Esteban Piñeiro und Seraina Winzeler stöbern sich auf «genealogischer» Spurensuche durch den Nachlass von Alfred Kunz, durch Polizeiakten, Vollversammlungsprotokolle und die bewegungseigenen Filme, um die «Entstehungsherde» der Stiftung Wohnhilfe aufzuspüren (S. 34).
Daran anschliessend analysiert Sandra Janett, wie sich die aus der Bewegung entstandene Stiftung Wohnhilfe von einer autonomistisch agierenden Organisation stufenweise zu einer professionalisierten Wohnbetreuung entwickelte, die mittlerweile finanzielle Mittel der Stadt erhält. Andreas Manz, Gründungsmitglied und ehemaliger Stiftungsrat, diskutiert die in der Stiftung vorhandenen Widerstände gegen den «Sozialarbeiterismus» und die Probleme der Professionalisierung. Silke Müller-Hermann beleuchtet mit etwas viel Methodentreue die Biografie von Alfred Kunz. Das Buch schliesst mit zwei kurzen Aufsätzen von Urs Kaegi sowie Peter Kurz und Axel Delvoigt zu Gegenwart und Zukunft der Wohnhilfe. Die Beiträge zur Stiftung zeigen besonders für eine sozialarbeiterisch informierte und interessierte LeserInnenschaft eine erhellende Innenperspektive auf die Entwicklung der professionellen Wohnbetreuung.
Für alle, die sich aus Halbdistanz vor allem für die Kontextualisierung der Wohnbetreuung in Stadtentwicklung und Bewegungsgeschichte interessieren, ist der Aufsatz von Piñeiro und Winzeler von besonderem Interesse. Seine leitende These: Öffentliche Proteste – die sich besonders durch autonome Raumaneignungen und alternative Lebensformen gegen die «bürgerliche Ordnung» richteten – wurden über die Jahre durch die Soziale Arbeit individualisiert und in «pädagogisch-private Fälle» heruntergebrochen.
Mithilfe einer auf Henri Lefebvre abstützenden Raumtheorie, die die machtvolle Co-Produktion von Raum und Gesellschaft betont, fragen Piñeiro und Winzeler, wie der Wohnraum und der öffentliche Raum von den Bewegungen nicht nur als Bühne genutzt, sondern als Gegenstand der Proteste neu definiert wurden. Dabei begreifen sie diese Räume mit dem Foucault’schen Begriff der «Heterotopie» als Gegenräume. Anhand der Kommunenbewegung der 1960er-Jahre zeigen sie, was sie damit meinen: Die Kommunen haben versucht, die «bürgerliche Ordnung» umzustürzen, indem sie durch die direkte Aneignung von (Wohn-)Räumen neue gemeinschaftliche Lebensformen schufen. Diese Heterotopien richteten sich gegen die gesellschaftliche Ordnung, ihre gesellschaftspolitische Bedeutung löste sich aber aufgrund mangelnder öffentlicher Artikulation und des Rückzugs ins Private bald auf.
Im darauffolgenden Jahrzehnt der 1970er-Jahre kam es im von Wohnungsnot geprägten Basel zu weiteren wohnpolitischen Aktionen. Die BewohnerInnen von abrissbedrohten Häusern begannen, sich zu organisieren. Die Kündigung ihrer Mietverträge sahen sie als Ausdruck einer primär renditeorientierten Stadtplanung. Die von der Partei Progressive Organisationen Basel (POB) und teilweise von den SozialdemokratInnen mitgetragene Bewegung verstand die Häuserkämpfe «als Teil eines strategisch ausgerichteten sozialpolitischen Kampfes» (S. 92). Das breite Bündnis setzte auch parlamentarische Mittel ein und benutzte verstärkt den öffentlichen Raum als Protestbühne, etwa bei einem Sleep-in auf dem Marktplatz. Die AutorInnen argumentieren, dass es den MieterInnenkämpfen – im Gegensatz zu den Kommunen – nicht gelungen sei, Gegenräume zu erzeugen: «Nicht die Lebensform wird hier politisiert, sondern ein sozialpolitisches Problem aufgeworfen. […] Der Gegenraum bleibt eine Leerstelle.» (S.92) Diese Analyse erstaunt, denn auch die MieterInnen besetzten ihre Häuser und begannen, sie selbst zu verwalten.
Den AutorInnen geht es jedoch darum, den Gegensatz zwischen wohnpolitischem Kampf und der Aneignung von Gegenräumen als Grund der sich gegen Ende der 1970er-Jahre abzeichnenden «Abspaltung der Jugendbewegung von der Mieterbewegung» aufzuführen (S. 100). Die Jugendbewegung will nicht mehr wohnpolitische Forderungen stellen: Im Februar 1981 eröffnet sie mit der Besetzung eines Eckhauses an der Solothurner-/Pfeffingerstrasse ein autonomes Jugendzentrum (AJZ). Damit richtet sich der Fokus der Bewegung, wie bereits in den 1960er-Jahren, auf das Innere des Gegenraums, der in den Bewegungsfilmen als «Festung inmitten eines hegemonialen städtischen Arrangements inszeniert» (S. 104) werde. Allerdings bildet sich in dieser «Festung» kaum eine Organisationsstruktur. Passiver Konsum sowie Drogen- und Gewaltprobleme strömen unkontrolliert in den Gegenraum, konsterniert stellt die Bewegung selbst fest, dass das AJZ innert wenigen Wochen zu einem «mistkübel für die scheissgesellschaft» (S. 127) wurde. Das AJZ, so die AutorInnen, müsse deshalb als «Heterotopie ex negativo» (S.124) betrachtet werden, als ein Gegenraum, der sich nicht über die eigenen Inhalte definierte, sondern über die Ablehnung der bürgerlichen Regeln. Diese projizierte sich jedoch in den Gegenraum und kehrte sich dort um: Es entstand keine hierarchiefreie Basisdemokratie, sondern ein Recht des Stärkeren. Die Utopie der Autonomie wurde zur Dystopie der Anomie.
Die aufkeimenden Konflikte im und um das AJZ nutzte die Basler Regierung dazu, die Bewegung als Sicherheitsrisiko darzustellen. Auch in der Nachbarschaft stiess das AJZ auf Widerstand, sodass sich gar «Bürgerwehren und Rockerbanden» (S.131) bildeten, die sich mit den AJZlerInnen prügelten. Die Polizei schien zwischenzeitlich die Kontrolle über die Nachbarschaft zu verlieren, im Mai 1981 räumte sie schliesslich das AJZ. Damit beenden die AutorInnen auch die Erzählung der Bewegung – leider, denn auch in den auslaufenden Achtzigern kam es zu Besetzungen, die Gegenräume zu eröffnen versuchten und Basels Behörden weiterhin auf Trab hielten.
Nun fragen Piñeiro und Winzeler, wie der «anomische Gegenraum des AJZ zum Ausgangspunkt hegemonialer Praktiken [wurde], mittels derer sich die negativen Entwicklungen in die ‹richtigen Bahnen› lenken liessen» (S. 17). Dazu brauchte es eine diskursive Verschiebung, welche ausgehend von der Wohnungsnot hin zur Autonomie schweifte, die danach von der Regierung zu einem Sicherheitsproblem stilisiert wurde. Schliesslich wurde die Bewegung paternalisiert und die sozialen Probleme der «verwahrlosten Jugend» hervorgehoben, die es nun, so der Regierungsrat, mit «Zuneigung, Pflege und Unterstützung» (S. 142) anzugehen gelte. Die Soziale Arbeit sollte in der Folge die kollektiv-politische Aneignung von Gegenräumen durch eine individuell-sozialarbeiterische Behandlung der Wohnungsfrage ablösen. Dies, indem die Wohnhilfe – so das raumtheoretische Argument – in ihren Wohnungen kontrollierte «Abweichungsheterotopien» schuf, die die Autonomieforderungen in einen institutionalisierten Rahmen überführten. Piñeiro und Winzeler stellen fest: «Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Soziale Arbeit historisch gesehen selbst das Produkt sozialer Bewegungen ist, denen sie mit zunehmender Professionalisierung nun das Wasser abzugraben scheint.» (S. 24)
Diese Interpretation stellt der damals entstehenden Stiftung Wohnhilfe eigentlich kein gutes Zeugnis aus. Als kritische Analyse, die sich nicht auf ein solches Verdikt reduzieren lässt, eröffnet sie jedoch das Potenzial, die Herausforderungen sozialarbeiterischer Wohnbetreuung in der aktuellen politischen Lage Basels, ausgehend von ihrer Entstehungsgeschichte, zu untersuchen.
Dafür aber muss, wie von den AutorInnen nur an wenigen Stellen angetönt, über die Raumtheorien hinausgedacht werden. Denn der Fokus auf Heterotopien kann sowohl in der Theorie wie in der Praxis die Illusion befördern, dass Machtverhältnisse im Innern der Heterotopie ausgeschaltet oder umgedreht werden könnten. Das verdeckt, um bei einem Bild von Michel Foucault zu bleiben, dass die heterotopen Räume eben nur kleine Nussschalen sind, die in einem gesellschaftlichen Meer von machtvollen Strömungen hin- und hergeschoben werden.
Die Stiftung Wohnhilfe entwickelte sich in einer Zeit, als sich der Wohnungsmarkt in Basel bei Rückgang der Wohnbevölkerung langsam entspannte. Seit einigen Jahren besteht in Basel wieder Wohnungsnot. Die rot-grüne Regierung verfolgt – so diskutierten dies unlängst Olivia Jost und Hans Schäppi in Widerspruch 68 – eine neoliberale Stadtpolitik, die der privatwirtschaftlichen Verfassung des Wohnungsmarktes Vorschub leistet. Die im Buch diskutierte Anbindung der Stiftung an die städtische Sozial- und Wohnpolitik bedeutet in diesem Kontext auch, dass die Stadt die Verantwortung für die Wohnungsfrage an soziale Institutionen delegiert und die «aus dem Wohnungsmarkt Gefallenen» nicht als politisches, sondern als spezifisch sozialarbeiterisches Problem zu definieren versucht. Damit steht nicht mehr die den gesamten Wohnungsmarkt betreffende Eigentumsordnung zur Disposition, sondern die Gestaltung sozialer Hilfe für «vom Markt Ausgeschlossene».
Piñeiro und Winzeler schreiben, dass die Stiftung Wohnhilfe die Wohnungsnot «nicht in der Tradition des klassisch sozialpolitischen Narrativs der sozialen Frage [artikulierte], die sich rund um das Klassen- und Umverteilungsproblem organisierte» (S. 25). Vielleicht ginge es aber – wie auch Sibille Hartmann im Widerspruch 69 diskutierte – im Kontext von Immobilienspekulation, Austerität und New-Public-Management gerade um die Frage, welche Rolle die Soziale Arbeit in dieser Verteilungsfrage spielt.
So legen die AutorInnen am Schluss der Einleitung überzeugend dar, dass die zentrale Herausforderung für die Sozialarbeitenden darin besteht, «eine klare Position zu beziehen: sich entweder als institutionelles oder staatliches Gegenüber von Betroffenen zu begreifen, das sich seiner normierenden und normalisierenden Position bewusst ist […] – oder aus einer professionell verstandenen Betroffenheit heraus zu agieren» (S. 19). Wie allerdings die aus dieser Betroffenheit, als «Mut von Professionellen zum zivilen Ungehorsam» (ebd.) beschriebene Herangehensweise umgesetzt werden könnte, bleibt im Buch unangedeutet offen.
Die Praxis zeigt dafür erste Ansätze. In Basel hat das Netzwerk Wohnungsnot, ein Zusammenschluss von sozialen (Wohn-)Organisationen, jüngst eine kantonale Initiative eingereicht, die das «Recht auf Wohnen» für alle StadtbewohnerInnen in die Verfassung schreiben will. Die Soziale Arbeit verbindet sich damit wieder mit der in Basel aufkeimenden wohnpolitischen Bewegung. So könnte die von den AutorInnen beschriebene Trennung aufgelöst werden, die in den 1970er-Jahren zwischen wohn- politischer Verteilungsfrage und Gegenraumkämpfen entstand. Wohnungsnot als gesellschaftlicher Konflikt liefert dazu vielfältige Denkanstösse und legt einen wichtigen Grundstein für aktuelle Wohnkämpfe – in Basel, aber auch in vielen weiteren Städten.
Jonas Aebi
